Angststörungen bei Autismus-Spektrum-Betroffenen

Einleitung

Obwohl Angst nicht als zentrales Merkmal von ASS angesehen wird, haben 40% der Betroffenen klinisch erhöhte Angstzustände oder mindestens eine Angststörung, einschliesslich einer Zwangsstörung. Das Erkennen und Behandeln von Angstzuständen bei ASS wäre besonders wichtig, da sie einen grossen Einfluss auf den Verlauf und die Kernaspekte von ASS haben und den sozialen Rückzug sowie das sich wiederholende Verhalten verschlimmern.

Während unbehandelte Angstzustände mit der Entwicklung von Depressionen, Aggressionen und Selbstverletzungen bei ASS in Verbindung gebracht wurden, kann eine frühzeitige Erkennung und Behandlung den Betroffenen eine bessere Prognose vermitteln. In der Schweiz sind vor allem ältere ASS-Betroffene leider von staatlicher Unterstützung ausgeschlossen. Sie müssen mit ihren Ängsten selber zurechtkommen, die Behandlungen selber finanzieren oder die Ängste einfach akzeptieren und damit leben.

Zum Thema Angst und Autismus-Spektrum-Störung habe ich einige Studien entdeckt, welche ich nachfolgend in zusammengefasster Art zum Lesen anbieten möchte. Ich weise darauf hin, dass der nachfolgende Text vielleicht etwas schwerer zu lesen ist. Zudem handelt es sich um Studien und Erkenntnisse. Zudem weise ich auch darauf hin, dass ich die Zusammenfassung ohne Titelträger eines Doctore oder Professors zu sein.

Wie bei ASS Angst entsteht und wie man sie erkennt

Es ist nicht einfach, das Vorhandensein von Angstzuständen bei Menschen mit ASS zu erkennen, da sich die Symptome überschneiden und die Darstellung der Symptome dadurch ganz unterschiedlich erkennbar sind.
Betroffene sind möglicherweise nicht in der Lage, ihre inneren Zustände zu beschreiben. Die eigenen Emotionen zu verstehen und diese richtig auszudrücken macht vielen Autisten Probleme. Typischerweise kann die Angst zu unterschiedlichen Zeiten und in Verbindung mit unterschiedlichen Anforderungen mit unterschiedlichen Merkmalen auftreten.

Man unterscheidet Ängste in folgende Gruppen:

Spezifische Phobie

Eine spezifische Phobie, nämlich eine intensive, irrationale Angst vor etwas, das nur eine geringe oder keine tatsächliche Gefahr darstellt, kann vor allem bei Kindern mit ASS auftreten, da diese noch übermässig auf sensorische Stimulation reagieren und keine Erfahrung bei der Verhinderung solcher Einflüsse haben (zb. Lärm). Es gibt aber auch erwachsene Autisten, die mit der übermässigen sensorischen Stimulanz ihr Leben lang nicht klar kommen. Bei bestimmten Phobien kann es sich um sehr ungewöhnliche Reize (z. B, Toilettenspülung, Staubsauger oder Pausenglocken) handeln. Es können jedoch auch typische Ängste (z. B. vor Dunkelheit, Insekten, Spritzen) auftreten.

Zwangsstörung

Durch unerwünschte und sehr aufdringliche, kaum kontrollierbare Gedanken mit oftmals zwanghafter Verhaltensweise unterstrichen, tritt die Zwangsstörung oft mit ASS auf.Das Erkennen einer solch begleitenden Zwangsstörung bei ASS-Betroffenen ist wichtig, da die sich wiederholende Verhaltensweisen nicht mit dem Leiden selber zusammenhängt, sondern als Bewältigungsmechanismus zur Linderung von Angstzuständen eingesetzt wird.

Soziale Angst

Wenn der Patient älter- und die Umgebung anspruchsvoller wird, kann eine Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation die Entwicklung sozialer Angst fördern, insbesondere wenn der Patient über eine hohe Funktionsfähigkeit verfügt und sich seiner sozialen Inkompetenz bewusst ist.Soziale Angst führt dazu, dass Betroffene soziale Situationen vermeiden, wodurch dadurch die Möglichkeiten zum Üben sozialer Fähigkeiten eingeschränkt werden. Das führt dann sehr schnell und oft zu Mobbing durch andere Menschen.

Trennungsangst

Trennungsangst kann dann entstehen, wenn sich der Patient von Bezugspersonen trennen muss, zum Beispiel im Moment des Verlassens der Familie oder beim Tod von wichtigen Familienmitgliedern. Gerade mit dem Tod der Eltern stehen ASS-Betroffene mangels sozialem Auffangnetz oftmals ganz alleine da. Dieser Gedanke kann bei den Betroffenen grosse Angst hervorrufen.

Andere atypische Angstsymptome

Jugendliche mit ASD leiden häufig unter Angstsymptomen, die nicht unbedingt in eine Diagnose passen, z. B. starke Belastungen aufgrund von Veränderungen von Routinen oder wechselnden Umgebungen.

 Wie man Angstzustände bei ASS behandelt

Die Deutlichkeit bezüglich der Auswirkung von Angst auf den Verlauf der Autismus-Spektrum-Störung zeigt, wie wichtig es wäre, Angstprobleme rechtzeitig zu behandeln, um die allgemeine Funktionsfähigkeit von Menschen mit ASS zu verbessern.
Da es sich nicht um den Kernaspekt einer ASS handelt, sondern um eine Störung welche im Verlauf einer ASS auftreten kann, kann die Angst getrennt von den anderen ASS-Spezifikationen behandelt werden. Allerdings muss der Faktor Autismus dennoch mit eingebracht werden.

Spezifische Ansätze für die Behandlung von Angstzuständen sind:

  • Medikamentöse Behandlung von Angstzuständen bei ASS

    • Obwohl selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs, zb. Fluoxetin oder Citalopram) als erste Massnahme der medikamentösen Behandlung bei Angststörungen und Zwangsstörungen (auch bei den neurotypischen Menschen) eingesetzt werden, gibt es bei ASS-Betroffenen erst wenige, wirklich aussagekräftige Erkenntnisse. Studien zu Fluoxetin bei Erwachsenen und Kindern mit ASS zeigten eine Verbesserung bei stereotypen Verhaltensweisen. Eine andere Studie zeigte jedoch, dass sich der Einsatz von Citalopram zum Abbau von stereotypen Verhaltensweisen gegenüber von Placebo nicht unterscheidet und dass einige ASS-Betroffene sogar negative Verhaltenseffekte wie Hyperaktivität, Impulsivität und Schlaflosigkeit bekamen.ASS-Betroffene reagieren möglicherweise empfindlich auf niedrige Medikamentendosen und zeigen erhebliche Unterschiede in der Reaktion auf die Behandlung sowie unerwünschte Ergebnisse auf Medikamente. Für den Einsatz angstlösender Medikamente wie zb. Bustiron gibt es kaum verlässliche Daten.
  • Psychotherapie- und Sozialkompetenzinterventionen bei Angstzuständen

    • Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) hat bei der Behandlung von Angststörungen und Zwangsstörungen bei jugendlichen ASS-Autisten eine robuste Wirksamkeit gezeigt, insbesondere bei Patienten mit hoher Funktionsfähigkeit und ausreichenden verbalen Fähigkeiten.Die Hauptbehandlungskomponenten von CBT gegen Angstzustände umfassen:
      • Psychoedukation über Angst (zB lernen, zwischen hilfreicher und nicht hilfreicher Angst zu unterscheiden, physiologische Komponenten der Angst zu identifizieren);
      • kognitive Strategien (z. B. lernen, ängstliche Kognitionen zu erkennen und Leitfunktionen und Flexibilität zu verbessern);
      • Verhaltensstrategien (zB abgestufte Exposition gegenüber befürchteten Reizen);
      • Interventionen mit Eltern: Psychoedukation und über die Eltern meditierte Interventionen bei Kernsymptomen (z. B. Aufbau hilfreicher Elternreaktionen bei ängstlichen Verhaltensweisen und Unterstützung des Kindes bei der Implementierung von Techniken) und Verhaltensweisen bei Fehlanpassungen (zb. die selbständigen, täglichen Fähigkeiten des Kindes einzuschränken).
    • Genauso wie ASS-Betroffene eine auf die Person genau abgestimmte Verwendung von Medikamenten benötigen, sollten psychologische Interventionen an die Eigenschaften des Autisten angepasst werden, damit eine gute Wirksamkeit erreicht werden kann.
    • Spezialisten sollten jenen Standard-CBT anwenden, welcher sich auf die Kernmerkmale von Autismus konzentriert:
      • emotionale Kompetenz und ein achtsamer Ansatz können hilfreich sein, um die Fähigkeiten zur emotionalen Erkennung zu verbessern, die erforderlich sind, um das Erleben von aversiven Emotionen konsequent zu tolerieren und flexibel auf Stressfaktoren zu reagieren;
      • Interventionen in Bezug auf soziale Kompetenzen mit Übungen zur Verbesserung des Engagements gegenüber anderen Menschen und der eigenen, emotionalen Reaktionen;
      • Mit konkreten Beispielen soll das abstrakte Denken verbessert werden.

Fazit

  • Es gibt viele Behandlungen für ASS-Betroffene, wie Pharmakotherapie, Psychotherapie, Aufklärungstherapie, Ergotherapie, Physiotherapie und familiäre Interventionen.
  • Autisten benötigen eine personalisierte und multimodale Beurteilung und Behandlung.
  • Die Berücksichtigung von gleichzeitig auftretenden Bedingungen ist besonders wichtig für die Gestaltung von Interventionen, die die Gesamtfunktion verbessern.
  • Die Angst sollte bei Autisten niemals vernachlässigt werden, kann aber unter Einbezug von ASS kann als separate Diagnose behandelt werden.
  • Frühinterventionsprogramme für Säuglinge mit oder mit einem Risiko für ASS können die Eskalation von Angstsymptomen verhindern.