Der Begriff «Behinderung» ist ziemlich zweideutig, nicht wahr? Der Begriff ist eher eine Kategorie als ein intrinsisches Attribut. Obwohl ich meine schlechten, als auch guten Momente habe, konnte ich meinen Autismus lange nie richtig Einordnen.

Grabenkämpfe

Es gab Zeiten in denen ich sehr konzentriert darauf war, den Autismus in Schach zu halten. Auch dann, als ich noch nicht wusste, dass ich Autist bin. Ich verdrängte diese besonderen Vorteile, welche einen Teil meiner Wesensart ausmachen. Einfach nur deswegen, weil ich dieses Anders sein nicht verstehen und auch nicht akzeptieren konnte. Tatsächlich, es gibt viele Vorteile, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, weil ich sie nicht als Vorteile, sondern als Nachteile angeschaut habe. Denn es sind Vorteile, welche aus Sicht der Gesellschaft als «komisch», oder eben als Nachteilig bewertet werden und man es mich entsprechend aus spüren gelassen hat.

Da wir alle nur einen subjektiven Bezugsrahmen und keine andere subjektive Erfahrung haben, mit der wir unser eigenes Ich vergleichen können, dauert es oft Jahre, um herauszufinden, welche – wenn überhaupt – Vorteile oder unterschiedlichen Erfahrungen wir haben und vor allem auch, wie wir sie werten sollten. Sowohl aufgrund der Unkenntnis über meine Stärken und deren Anwendung als auch aufgrund der übermässigen Identifikation mit meinen «Grabenkämpfen» war ich mir nie ganz sicher, ob ich es jetzt  als Nachteilig, als eine Behinderung anschauen soll, oder eben nicht.

Ich vermute, dass die meisten autistischen Menschen, welche in ihrem Leben erfolgreich sind, sich eher auf die Vorteile konzentrieren und daher eher dazu neigen, Autismus als Unterschied und nicht als Behinderung zu betrachten. Es gibt aber auch die anderen Autisten, welche sich ihr ganzes Leben lang schwer tun und so gar nichts an Vorteilen erkennen können. Ob Autismus einen Unterschied oder eine Behinderung darstellt, hängt also wohl zu einem grossen Teil von unserem subjektiven Empfinden und den vorhandenen Einschränkungen ab, welche wir aufgrund unserer Neurologie im Leben erfahren. Eigentlich nicht nur aufgrund unserer Neurologie / Psychologie, sondern auch aufgrund des Zusammenspiels mit der Gesellschaft.

Stärken

In meinem Fall wäre es aber nicht fair, Autismus als Behinderung zu bezeichnen, da die Vorteile die Nachteile vermutlich überwiegen. Wenn es eine Pille gäbe, die Autismus «heilen» könnte (dh meine Gehirnwindungen würden sich zu jenen eines Standard-Menschen ändern), würde ich es nicht einmal ansatzweise in Betracht ziehen, sie einzunehmen. Nicht nur, weil sie untergraben würde wer ich bin, sondern auch, weil meine Denkweise nicht nur anders ist, sondern in vielerlei Hinsicht unbestreitbar von Vorteil ist. Auch wenn meine Denkweise immer wieder aneckt. Doch ich bin wie ich bin und das ist auch gut so. Je älter ich werde, desto besser sehe ich die positiven Seiten. Zudem gelingt es mir immer mehr, ohne schlechtes Gewissen so sein zu dürfen, wie ich halt nun einmal bin. Ich mache mir kaum mehr Gedanken darüber, dass ich etwas ausserhalb der Gesellschaft stehe. Im Gegenteil. Ich beginne es sogar zu geniessen.

Strukturen

Es geht natürlich auch darum, wie das eigene Leben strukturiert ist, wie man es strukturiert hat. Viele autistische Menschen funktionieren im Beruf und Privatleben recht gut und erleben ihren Autismus nicht als eine besonders grosse Störung. Tatsächlich wissen viele Menschen möglicherweise nicht einmal, dass sie autistisch sind.

Je nach Lebensumstand funktioniert man mit Autismus möglicherweise aber nicht so gut. Man nimmt den Autismus dann stärker, bis unangenehm störend war. Wenn Du in einer hochsensorisch, stimulierenden Umgebung ständig Angst hast, wird es offensichtlich schwieriger sein, dem Autismus als etwas positives abzugewinnen. Und es wird wohl auch schwierig sein, daran arbeiten zu können.

Unterschied oder Behinderung

Ob Autismus ein Wesenszug oder eine Behinderung ist, hängt also von verschiedenen Dingen ab. Ich habe bereits auf einige hingewiesen, aber lasse mich nochmals diejenigen zusammenfassen, an die ich gerade noch so denke:

  • das Funktionsniveau (umständlich und kulturell)
  • das Wohlbefinden (subjektiv und umständlich)
  • die Neurologie und Psychologie (Argumente basierend auf Beobachtung und Kategorisierung)
  • unsere Art, Dinge zu kategorisieren und Begriffe anzuwenden (Semantik und Philosophie)

Wenn Du weitere kennst, bin ich gespannt auf Deinen Kommentar

Selbst wenn ich in meinem Leben enorme Probleme- und auch öfters Selbstmordgedanken hatte und manchmal immer noch habe, habe ich mich dennoch aus irgendeinem Grund nie wirklich als behindert angesehen. Ich kann nicht genau sagen, warum das so ist. Ich habe mich eher einfach als unverstanden und ausgegrenzt gesehen.

Autismus umfasst ein breites Spektrum von Erfahrungen. Ob Du Autismus als Schwäche empfindest oder nicht, ist möglicherweise relevant dafür, ob Du Autismus als Behinderung betrachtest. Es ist aber wichtig, sich daran zu erinnern, dass es nicht nur unterschiedliche Erfahrungen gibt, sondern auch unterschiedliche Meinungen. Ich sehe meinen Autismus darum nun ganz klar nicht als Behinderung an, aber ich verstehe, dass einige andere dies tun.

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