Normen

Die Gesellschaft hat sich mehr oder weniger auf soziale «Normen» geeinigt. Jeder weis wie eine Gesellschaft funktioniert, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält, was wir als Gut und was als Böse anschauen und vieles mehr. Diejenigen die ausserhalb dieser Normen existieren, werden deswegen oft stigmatisiert.

Normalität

Lassen Sie uns zuerst darüber sprechen was normal ist, und dann diskutieren wir, ob «anders sein» die Bezeichnungen «abnormal» oder «defekt» verdienen.

«Normalität» ist ein relativer Begriff und wird normalerweise auf das Verhalten der Mehrheit angewendet. 1992 führte das internationale Autismus-Netzwerk den Begriff neurologisch typisch oder neurotypisch (NT) als Bezeichnung für Menschen ein, welche keinen Autismus haben. Seitdem wird über den Begriff «neurotypisch» immer wieder diskutiert.

Die Präferenz eines Menschen, Kategorien auf andere Menschen anzuwenden, ordnet auch Autisten sofort einer «anderen» Kategorie zu. Sobald wir aber wissen, dass jemand etwas mit uns gemeinsam hat, neigen wir zu glauben, dass diese Person noch viele andere Gemeinsamkeiten zu uns selber hat.

Forschung

Untersuchungen zeigen, dass ein Teil des Gehirns hinter unseren Augen, welcher als medialer präfrontaler Kortex (MPFC) bezeichnet wird, aktiviert wird, wenn Menschen sich selbst oder Menschen die ihnen gleichen, sehen. Dieser MPFC urteilt dann über diese Personen. Wenn wir jemanden als anders als uns selbst betrachten, wird diese Region nicht aktiviert.

Die Relevanz davon ist, dass wir automatisch Mitglieder unserer eigenen Gruppe bevorzugen. Wir fühlen uns mehr in sie hinein, wir geben ihnen mehr Spielraum, wenn sie einen Fehler machen, vergeben wir ihnen leichter und wir sind eher bereit, mit ihnen zu teilen.

(A)typisch

Wenn wir Neurotypizität als normativ betrachten – was wir am häufigsten tun -, dann mag es zunächst vernünftig erscheinen, Autismus als abnormal zu betrachten. Wenn wir uns die Statistiken genauer ansehen, stellen wir fest, dass das, was normativ ist, nicht so häufig ist, wie man vielleicht denkt.

  • 1–2,5% der Bevölkerung sind autistisch
  • 1,1% schizophren
  • 2% psychotische Störungen
  • 7,5% dissoziale Persönlichkeitsstörung
  • 4,5% affektive Persönlichkeitsstörung
  • 4,4% hyperkinetische Persönlichkeitsstörung
  • 1% narzisstische Persönlichkeitsstörung
  • 6,9% Depression (Selbstmord wegen Depressionen machen 24% aller Todesfälle bei 15- bis 24-Jährigen und 16% bei 25- bis 44-Jährigen aus)
  • 29% der Menschen leiden zu einem bestimmten Zeitpunkt unter Angstzuständen
  • …und so weiter

Es scheint also, dass verschiedene atypische Zustände tatsächlich sehr häufig sind. Man könnte sagen, das «Abnormale» ist doch oft recht normal.

Wir gegen sie

Im Allgemeinen schliesst diese Wir-gegen-Sie-Mentalität ganze Gruppen von Menschen aus. Unbewusst neigt ein Neurotyp möglicherweise dazu, einer Legasthenikerin keinen Job zu geben, da Legasthenie nicht nur als «andersartig», sondern auch als Nichteinhaltung von Normen in Bezug auf Rechtschreibung und Schrift ist. Sobald jedoch bestimmte Attribute anerkannt werden, kann dies die Türen für eine ganze Gruppe von Menschen öffnen.

Legastheniker sind grosse räumliche Denker. Viele Architekturbüros wissen das und sind daher eher geneigt, Legastheniker einzustellen. Da eine ähnliche Verschiebung für autistische Menschen auftreten können, können sich auch die Türen für uns öffnen. Aus diesem Grund wird eine angemessene Aufklärung nicht nur über die Defizite, sondern auch über die Vorteile von Autismus von entscheidender Bedeutung sein.

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