Für Lehrpersonen

Autistische Menschen haben einen lebenslangen Drang, Dinge zu lernen. Allerdings unterscheidet sich der Lernstiel von Autisten gegenüber jenem von Nicht-Autisten. Autisten lernen anders und benötigen auch eine andere Lernumgebung, damit sie ihr Potenzial abrufen können. Leider werden auch heute noch viele Autisten in der Regelschule nicht als solche erkannt. Es geht deswegen sehr viel Potenzial verloren.

Nachfolgende Tipps stammen aus Buch- Sach- und Internet-Quellen von:

  • Tony Attwood, „Ein Leben mit dem Asperger Syndrom“
  • Dr. Christine Preissmann, „Asperger leben in zwei Welten“
  • Universität Zürich, Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
  • Heilpädagogische Schule Zürich, ehem. Schulleiterin in der Stiftung Kind und Autismus, Urdorf

 

Die wichtigste Voraussetzung ist ein einfühlsames und verständnisvolles Verhalten der Lehrkräfte. Lehrkräfte müssen Aufgeschlossen gegenüber diesen Mitmenschen sein.

Schulvorbereitung

Vorbereitung Kind und Eltern

  • Gegenseitiges Kennen lernen und guter Beziehungsaufbau mit der Lehrperson und den weiteren Fachpersonen. Das Kind soll die Verantwortlichen bereits kennen, bevor es in die Schule geht.
  • Kennen lernen des Schulhauses, Pausenplatzes, Turnhalle, Klassenzimmers, Arbeitsplatzes, der Toilette und der Rückzugsmöglichkeiten (Zwischenzimmer, Ruhezimmer, Bibliothek).
  • Kennen lernen der Klassengschpändli anhand von Fotos.
  • Besuch der Klasse für einen zumutbaren Zeitraum (als Test ob es funktionieren könnte)

Vorbereitung der Lehrpersonen in der Regelschule

  • Die Lehrpersonen müssen wissen, was Autismus und Asperger-Syndrom ist und sich damit auseinandersetzen.
  • Die Lehrpersonen müssen die Besonderheiten des Kindes kennen lernen
  • Teamregeln mit allen beteiligten Fachpersonen in der Schule verabreden (gemeinsame Vorbereitung, gegenseitiges Feedback geben können)
  • Dem Kind mit Asperger-Syndrom mit positiver Grundhaltung begegnen.
  • Auf Zwangsverhalten achten

Vorbereitung der Klassenkamerad*innen und der Eltern der Mitschüler*innen

  • Aufklärung der Mitschüler*innen über das Asperger-Syndrom und die Besonderheiten des neuen Kindes im Vorfeld
  • Wiederholende Aufklärung der Mitschüler*innen über das Asperger-Syndrom und die Besonderheiten wenn das neue Kind das erste Mal mit dabei ist
  • Aufklärung anhand von Filmen, Büchern, Rollenspielen, Stärken/Schwächen-Thema, Helfen und Hilfe holen, etc. (Betroffenes Kind aber nicht in Rollenspiele verwickeln)
  • Sonderregelung für das Kind mit Asperger-Syndrom ansprechen, damit alle Bescheid wissen
  • Am Elternabend: Autismus und das Kind mit AspergerSyndrom ansprechen. Über Autismus aufklären. Ängste nehmen.

Unterricht

Mittlerweile gibt es viele Schüler in Regelschulen, bei denen Autismus diagnostiziert wurde , darunter auch solche mit Asperger-SyndromEinige haben möglicherweise begleitende Lernbehinderungen oder in Zusammenhang stehende Diagnosen wie ADHS .

Rahmenbedingungen

Einer der wichtigsten Faktoren sind die Rahmenbedingungen, welche geschaffen werden müssen. Hier scheitert es aber oftmals aus betrieblichen- und baulichen Gründen

  • Räumliche Anpassungen (z.B. Akustik, Licht).

Eine Reizarme Umgebung ermöglicht es einem Autisten, deutlich konzentrierter zu arbeiten. Man könnte das Schulzimmer durch Storen etwas abdunkeln. Zudem wäre es vorteilhaft, wenn das Licht im Raum gedimmt werden kann. Die Klasse sollte zu einem ruhigen Unterricht angehalten werden. Hier braucht es ggf kleine Anpassungen in der Lichttechnik.

  • Sitzordnung ( AS sitzen oft gerne am Rand, brauchen eine «freie» Seite, damit sie sich nicht eingeengt fühlen). Die erste Reihe wäre ebenfalls vorteilhaft, damit die betroffene Person nicht von Kindern abgelenkt wird, welche vor ihm sitzen. Ein Punkt welcher sehr einfach umgesetzt werden kann
  • Im Schulzimmer einen speziellen Rückzugsort schaffen (z.B. ein Zelt im Schulzimmer, «SavePlace»)

Je nach Schulzimmergrösse hat ein Zelt kein Platz. Hier könnte zb eine Deckenkonstruktion über zwei Stühle gelegt helfen. Damit der Autist genügend Ruhe bekommt, sind Geräuschabsorbierende Kopfhörer vorteilhaft.

  • Die Orientierung im Schulgebäude kann für Autisten schwierig sein. Daher sollte er mit jemandem mitgehen können (es muss verlässlich sein)
  • Zusätzliche Ruhephasen ermöglichen

Autisten werden schneller müde (wegen Reizüberflutung). Autisten sollten mehr Freizeit in den Schulstunden erhalten

Allgemeine Pausen

  • Dem Autisten die Möglichkeit einräumen, die Pausen im Klassenzimmer oder in einem separaten, ruhigen Raum zu verbringen. Autisten sind auf dem Pausenhof heillos überfordert. Zudem kann man sie vor Hänseleien schützen.
  • Erlauben, in der freien Zeit die Schulbibliothek zu besuchen (viele autistische Menschen lieben Bücher und die ruhige Beschäftigung damit). Die Bibliothek ist auch hilfreich, wenn es einem Autisten während des Unterrichts zu viel wird.

Anpassung des Unterrichts

  • Verlängerte Zeitspannen bei Klassenarbeiten oder aber verkürzte Aufgabenstellungen. Autisten brauchen länger, gestellte Aufgaben zu verarbeiten und zu lösen. Man darf sie daher nicht überfordern. Weniger ist Mehr!
  • Für längere Texte, die handschriftlich verfasst werden, muss ebenfalls entsprechend mehr Zeit zur Verfügung gestellt werden.
  • Von der Tafel Abschreiben ist für AS schwierig, da sie immer in einen Zeitdruck kommen. Dem Autisten besser eine Kopie abgeben.
  • Jeder Autist ist anders. Arbeitsform entsprechend den jeweiligen Fähigkeiten und Schwierigkeiten wählen (schriftliche statt mündliche Arbeitsform oder aber mündliche statt schriftliche Arbeitsform)
  • Gruppenarbeit nicht erzwingen. Wenn es geht mit Kleingruppen arbeiten. Ansonsten Einzelarbeit ermöglichen
  • Bereitstellen bzw. zulassen spezieller Arbeitsmittel (Computer, Kassettenrekorder, speziell gestaltete Arbeitsblätter, spezielle Stifte etc.). Hier können ev. auch die Eltern Tipps geben (Vorlieben usw).
  • Für Aktivitäten welche nicht in der gewohnten Umgebung gemacht werden, z.B. die Teilnahme an gemeinsamen Ausflügen oder Klassenfahrten, sollen Autisten nach Bedarf freigestellt werden.
  • Hausaufgabenmenge allenfalls anpassen, klare Anweisungen

Menschen

  • Anzahl der FachlererInnen so klein wie möglich halten. Autisten haben es nicht so mit Menschen. Sie brauchen die Gewohnheit, immer dieselben Personen um sich zu haben.
  • Bezugspersonen/Helfer sind wichtig. Ein Autist muss immer wissen, wohin er sich wenden kann und wer ihn verlässlich unterstützen wird.
  • Lehrkräfte müssen sich gegenseitig absprechen, damit der Autist immer gleich unterrichtet wird.
  • Manchmal lohnt es sich, eine geeignete Klassenkameradin als Patin zur Seite zu stellen

Gleichbleibende Abläufe

  • Die Abfolge der einzelnen Fächer müssen dem Autisten bekannt sein. Er muss frühzeitig wissen, was als nächstes folgen wird
  • Notwendige Raumwechsel innerhalb der Klasse frühzeitig ankündigen
  • Anstehende aussergewöhnliche Veränderungen des Ablaufs vorher mit der betroffenen Person besprechen, damit die Angst gemildert werden kann
  • Die Stundenpläne nicht zu häufig wechseln. Ausgefallene Fächer nicht spontan durch andere ersetzen. Die tägliche Routine muss erhalten bleiben.
  • Regeln und Routine müssen konsequent eingehalten werden
  • Lehrerwechsel können für Autisten zu einem Problem werden
    Wenn es nicht anders geht kann man einen autistischen Schüler auch früher gehen lassen, damit er nicht durch die sehr belebten Korridore gehen muss. 

Kommunikation

  • Sowohl Lehrerinnen als auch Mitschülerinnen sollen im Kontakt auf eindeutige, kurze Formulierungen achten (nicht zu viele Anweisungen in einem Satz, ruhige klare Stimme).
  • Auf Ironie, Redewendungen, mehrdeutige Äusserungen sowie auf eine blumige Sprache besser verzichten oder deren Bedeutung erklären.
  • Werden Anweisungen nicht klar und eindeutig formuliert, werden diese oftmals nicht richtig verstanden und können nicht adäquat befolgt werden.
  • Autisten machen das was gesagt wird, meistens wortwörtlich.
  • Unklare Fragestellungen, z.B. „Wie geht’s?“ vermeiden.
  • Signal Wörter, z.B. „Stopp!“, „Warte!“ verwenden.
  • Das Wiederholen von Wörtern und Sätzen sind bewährte Mittel zur Kontaktaufnahme beim Kind/Jugendlichen mit Asperger-Syndrom.
  • Nachfragen ob alles verstanden wurde und ggf beschreiben lassen, was zu tun ist.

Sportstunden

Sportliche Anforderungen anpassen, da Autisten nicht in jedem Fall eine gute Motorik haben

  • Separate Möglichkeiten behutsamer sportlicher Aktivitäten anbieten (Autisten mögen keinen Mannschaftssport).
  • Vorgemachte Übungen stellen für autistische Menschen oft eine unüberwindliche Hürde dar. Ausser den motorischen Schwierigkeiten spielt hier zudem die mangelhafte Fähigkeit der Betroffenen zur Imitation eine Rolle
  • Dafür sorgen, dass die Schülerin im Sportunterricht nicht den Demütigungen der Mitschülerinnen ausgesetzt ist (zb beim «Wählen» von Manschaften).
  • Zum «Vorturnen» ist die Person ungeeignet
  • Eventuell auch eine Befreiung vom regulären Sportunterricht anstreben. Optimal wäre eine individuelle Lösung als Ersatz

Kommunikation mit den Eltern

  • Ein Kommunikationsheft zwischen Eltern und Schule einführen

Unstrukturierte Zeiten, Mittagstisch

Weniger strukturierte Teile des Schultages können für autistische Kinder und Jugendliche schwierig zu bewältigen sein. Dies kann verschiedene Gründe haben, z. B. Kommunikationsschwierigkeiten , soziale Kompetenzen und unterschiedliche sensorische Bedürfnisse.

Pause und Mittagspause

Im Gegensatz zu Gleichaltrigen geniessen Kinder und Jugendliche mit Autismus möglicherweise keine Pausen und Mittagspausen. Dies könnte daran liegen, dass sie:

  • Mangel an Struktur und Routine
  • Es ist zu Laut im Essbereich
  • Angst vor Mobbing und sozialer Isolation

Einige Möglichkeiten, wie man helfen kann

  • Organisieren Sie strukturierte Mittagstische, die sich auf gemeinsame Interessen konzentrieren
  • Bieten Sie soziales Lernen an
  • Versuchen Sie es mit Social Stories oder Comic-Gesprächen, wenn ein Schüler über eine bestimmte Situation besorgt ist
  • Stellen Sie sicher, dass das Personal, das über ein Autismus- Training verfügt, auch beim Mittagstisch anwesend ist
  • Unterrichten Sie das Bewusstsein und die Akzeptanz für Autismus unter Gleichaltrigen
  • Führen Sie eine Null-Toleranz-Politik gegen Mobbing und stellen Sie sicher, dass alle Lehrpersonen und Mitarbeiter über die Verfahren informiert sind