Über mich

Wie ich zu einem Autisten wurde…

Man kann natürlich nicht zum Autisten werden. Man ist ab Geburt Autist. Vielleicht sogar schon früher. Doch viele Erwachsene Autisten in meinem Alter wissen nichts von ihrem Autismus. Sie leben einfach ein Leben, welches nicht demjenigen eines *neurotypischen Menschen entspricht. Den meisten dieser Erwachsenen ist klar, dass sie irgendwie anders sind und mit dieser Andersartigkeit auf Widerstände, Ablehnung und Probleme treffen. Ihr Anderssein ist etwas normales für sie selber. Sie kennen es ja nicht anders. Sie waren ihr ganzes Leben so und werden es auch bleiben. Viele haben aber gelernt damit umzugehen und Strategien entwickelt, um sich auf dieser Welt besser zurechtzufinden. Die meisten unerkannten Autisten würden ihre spezielle Art aber nie mit Autismus in Verbindung bringen. Der Begriff Autismus liegt weit weg und ist vielfach unbekannt. Mir ging es genau so. 49 Jahre lang.

Doch dann kam dieser Tag, an dem ich in einer schlaflosen Nacht an meinem Computer sass. Etwas melancholisch, etwas verstimmt, etwas depressiv. Ich sass am Computer und öffnete meinen Browser. Ich gab Begriffe in die Suchfunktion ein, wie zum Beispiel «keine Freunde», «ich verstehe Menschen nicht» oder «ich mag keine Berührungen». Google offerierte seitenweise Suchergebnisse. Ich scrollte langsam durch die Liste und bekam Vorschläge und Tipps, wie man neue Freunde finden kann, wie man seine Kommunikation verbessert oder den Hinweis, dass ich vielleicht Asexuell wäre. Doch dann, auf der zweiten Seite stand in der Liste folgendes Suchergebnis:

 

Das Suchergebnis zeigte auf den Artikel einer Zeitschrift. Ich klickte drauf und las ihn. Es entstand ein Moment der Stille und ein längerer Moment der Ungläubigkeit. Das was ich gelesen hatte, war genau das, was ich war. Jahrzehntelang habe ich das Leben eines Unwissenden, teils unglücklichen und oft verwirrten Menschen gelebt. Und nun mit diesem Klick…

Das Gelesene liess mich nicht mehr los. Ich «googelte» weiter. Diesmal konkret mit den Begriffen «Autismus» und «Asperger-Syndrom». Die Selbstdiagnose war gemacht. Ich bin Autist!

Mein Interesse war nun geweckt und liess mich seitdem nie mehr los. Wie besessen las ich alles über das Asperger-Syndrom, was ich im Netz finden konnte. Ich schaute mir unzählige Videos an. Ich wollte es noch genauer wissen und begann, mir Fachbücher zu kaufen. Es sind nun sicher 20 Bücher an der Zahl, welche einen Teil meines kleinen Büchergestells ausmachen.

Die Zweifel kamen

Ich war mir zu 100% sicher. Wenn einer ein Asperger-Autist war, dann ich. Etwas anderes wusste ich aber auch… ich war kein Fachmann obschon ich viel gelesen und geforscht hatte. Ich war derart besessen von meiner Diagnose, dass bei mir plötzlich Zweifel aufkamen. Bildete ich mir das vielleicht nur ein, weil ich mich so stark darauf fixiert hatte? Die Unsicherheit begann an meinen Nerven zu zehren. Nicht weil ich unbedingt Autist sein wollte, sondern weil ich es mir nicht eingestehen wollte, mich selbst überlistet und mir etwas eingeredet zu haben, was so nicht ist.

An einem Sonntagmorgen traf mich dann eine Panikattacke, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Eine Heftigkeit, die ich nicht kannte. Sonst sehe ich Panikattacken kommen und kann mich entsprechend etwas vorbereiten. Doch diese knallte ungebremst auf mich rein. Ich musste reagieren.

Besuch beim Hausarzt

Am Montag organisierte ich bei meinem Hausarzt einen Termin. Ich kenne ihn seit 25 Jahren. Ich sass wie ein begossener Pudel auf dem Stuhl. Er sass hinter dem Tisch und schaute mich an. Ich schob ihm meine Pro- und Kontra-Liste zu. Er lass sie ausführlich und nahm sich einen Moment Zeit. Dann schaute er mich an und sagte:

so wie ich sie seit langem kenne und erlebe, könnte ich mir Ihre Einschätzung durchaus als Richtig vorstellen

Er überwies mich zur Abklärung an den psychiatrischen Dienst.

Und nun?

Wenn ich zurückschaue war die Abklärung etwas vom Besten, was ich in meinem Leben getan habe. Es ist eine enorme Ruhe in mir eingekehrt. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, warum ich so bin wie ich bin. Endlich habe ich einen Namen für alles. Es ist befreiend. Ich kann nun viel mehr akzeptieren. Manchmal muss ich sogar über meine Eigenarten schmunzeln. Natürlich bin ich immer noch der Selbe. Mit all den kleinen und manchmal auch grösseren Schwierigkeiten. Doch nun akzeptiere ich sie zu 100%. Und mir ist endlich egal, was andere über mich sagen. Ich bin jetzt genau so, wie ich bin.

Und ich fühle mich gut dabei

Warum dieser Blog

Ein Blog ist etwas gutes. Menschen können sich kostenlos über ein spezielles Thema informieren. Zum Thema Autismus-Spektrum gibt es bereits gute Informationsquellen. Dennoch reizte mich der Aufbau eines eigenen Blog. Auf meinem Portal möchte ich nicht nur auf die Grundlagen des Spektrums eingehen, sondern auch meine persönlichen Erfahrungswerte einbringen. Vielleicht hilft das anderen Betroffenen ja auch ein wenig zur Bewältigung des eigenen Alltags. Und ich hoffe mit meiner positiven Grundeinstellung auch andere Autisten zu animieren, ihr eigenes Ich positiv zu sehen.

Möchtest Du mehr zum Thema erfahren oder interessieren Dich meine Erfahrungen, welche Du in meinem Blog nicht findest? Hast Du eine Frage zu Dir selber, weil Du vielleicht mit der Situation nicht umgehen kannst und niemanden zum Reden hast? Melde Dich über das Kontaktformular. Ich bin verschwiegen und werde keinerlei persönliche Daten an Drittpersonen weitergeben. Das garantiere ich.

Aus Asperger-Syndrom wird Autismus-Spektrum-Störung

Der Begriff Asperger-Syndrom wird immer mehr auch als ASS (Autismus-Spektrum-Störung) bezeichnet. Autismus-Spektrum-Störung wird in Zukunft den Begriff Asperger-Syndrom ablösen. Darum verwende ich auf diesem Blog beide Formen, künftig jedoch nur noch die neue Bezeichnung.

autismus-spektrum.ch ist kein Portal, welches durch Behörden oder andere Organe betrieben wird. Dieser Blog ist rein privat, obschon er durch die Namensgebung vielleicht mit etwas offiziellem verwechselt werden könnte. Lasst Euch also nicht täuschen ;-). Der Blog ist absolut unabhängig und wird auch immer unabhängig bleiben.

Spenden

Falls es Dir möglich ist, kannst Du mir gerne eine kleine Spende zustellen. Der Betrieb eines Blogs ist nicht sehr teuer, aber auch nicht kostenlos. Spenden werden also sehr gerne angenommen. Dafür stehen PayPal und Twint zur Verfügung. Die Spenden werden zu 100% für den Blog oder den Kauf von Fachliteratur genutzt. Was übrig bleibt spende ich der Organisation autismus deutsche schweiz. Ihr könnt natürlich auch selber direkt eine Spende an autismus deutsche schweiz leisten. autismus deutsche schweiz ist die grösste Non-Profit-Organisation zum Thema Autismus in der Schweiz und ist ein rechtlich selbständiger, gemeinnütziger und steuerbefreiter Verein. Auch sie können Spenden gebrauchen.

PS: Ich selber bin Mitglied von autismus deutsche schweiz.

Am Meer fühle ich mich immer sehr wohl. Mir gefällt die Beständigkeit der Wellen, welche in regelmässigen Abständen an den Strand rollen. Auch der frische Salzgeschmack in der Luft ist sehr angenehm. Leider ist das Meer sehr weit weg und die Zugfahrt dauert lange, so dass ich noch nicht so oft dort sein konnte. Zum Glück bin ich aber auch ein Freund der Berge. In den Bergen liebe ich die Einsamkeit, die Ruhe und die Natur. Ich gehe oft wandern und habe meistens meinen kleinen Fotoapparat mit dabei. Es gibt immer so viel zu sehen. Leuchtende Blumen, schöne Bäume und herrlich geformte Berge.

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* Neurotypisch (für neurologisch typisch, kurz NT, auch norm-neuro) ist ein Neologismus, der benutzt wird, um Menschen zu charakterisieren, deren neurologische Entwicklung und Status mit dem übereinstimmen, was die meisten Menschen als normal bezüglich der sprachlichen Fähigkeiten und Sozialkompetenzen betrachten.

Zuerst wurde der Begriff von der Autism-Rights-Bewegung als eine Bezeichnung für Nicht-Autisten eingeführt, später wurde das Konzept von der Neurodiversitätsbewegung und von Wissenschaftlern aufgegriffen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff zum Teil auch in einem eingeengten Sinne verwendet, der nicht nur Menschen im Autismusspektrum ausschließt, sondern auch solche mit anderen neurologischen Normabweichungen. Als eindeutige Alternative zum Zwecke der neutralen Bezeichnung nichtautistischer Menschen wird manchmal stattdessen der Begriff allistisch verwendet (von Wiki geklaut).