Als Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in New York eine Wutrede hielt, waren manche Zuschauer überrascht. Ist Greta doch keine Autistin? Autisten haben doch keine Gefühle? Ist etwa alles nur gespielt?

Heldin oder Hassfigur

Für Millionen Menschen ist die junge Schwedin zu einem Vorbild geworden. Für andere zu einer Hassfigur. Gegner lachen sie aus oder beleidigen sie auch wegen ihres Autismus. Greta sei ein Roboter, gehöre in die Psychiatrie. Wer ab und zu in den Online-Medien die Kommentarspalten zu Greta-Themen liest, erkennt vielfach den blanken Hass auf dieses Mädchen. Ich persönlich lese keine Kommentare mehr zu Artikeln über Greta. Dieser unbändige Hass auf ein 16-jähriges Mädchen verstehe ich nicht. In was für eine brutalen Welt leben wir eigentlich?

Uneinigkeit in der Wissenschaft

Um Autismus und das Asperger-Syndrom ranken sich einige Mythen. In manchen Aspekten sind sich sogar Wissenschaftler noch nicht einig. Autismus bedeutet laut den diagnostischen Kriterien zum einen, dass Betroffene in sozialen und kommunikativen Fähigkeiten eingeschränkt sind. Ihnen fällt es beispielsweise schwer, Gesichtsausdrücke zu deuten oder Ironie zu verstehen. Greta Thunberg nennt bei Facebook ihre mangelnden Fähigkeiten im «Socializing» als entscheidenden Grund dafür, anfangs alleine protestieren gegangen zu sein. «Wenn ich «normal» und gesellig gewesen wäre, hätte ich mich einer Organisation angeschlossen oder selbst eine gestartet.»

Mir selber geht es genauso. Jedes Jahr findet bei uns zum Beispiel eine «Uferreinigung» an der Limmat statt. Eine tolle Sache. Menschen treffen sich dort und befreien das Ufer von Unrat und Abfall. Ich helfe dort aber nicht mit, sondern ziehe mein eigenes Ding durch und gehe einmal Im Monat entlang der Limmat Abfall einsammeln. So kommen immer 2 Abfallsäcke voll Material zusammen. Aber so etwas Gemeinsam tun? Das geht bei mir nicht.

Das zweite entscheidende Merkmal für Autismus ist, dass Betroffene zu Monotonie neigen. Sie haben etwa den Wunsch nach Ritualen, den immer gleichen Speisen oder Themen. Meist leiden sie auch unter starken Sinneseindrücken: Licht und Geräusche erscheinen ihnen extrem hell beziehungsweise laut. Vor allem diese externen Einflüsse (Licht und Lärm) machen auch mir das Leben schwer.

Asperger-Autisten werden häufig als hochintelligent bezeichnet

Autisten wird nachgesagt, sich nicht in andere Menschen hineinfühlen zu können. Dass autistische Menschen keine Empathie haben, ist aber nicht der Fall. Klar haben viele Autisten Schwierigkeiten, sich gedanklich in Mitmenschen hineinzuversetzen. Autisten tut es aber genauso im Herzen weh, wenn sie Bilder von hungernden Kinder in Afrika sehen.

Während Autisten in sozialen Bereichen meist Probleme haben, gelten sie in anderen manchmal als wahre Genies. Speziell Asperger-Autisten werden häufig als hochintelligent porträtiert. Etwa im Film Rain Man, in dem Dustin Hoffman einen Autisten spielt, dessen enorm gutes Gedächtnis sich beim Kartenspiel auszahlt. Manche Unternehmen beschäftigen sogar speziell Autisten, weil sie als besonders detailorientiert gelten. Das kann etwa bei Fehleranalysen im IT-Bereich hilfreich sein. Autistische Talente können in allen Bereichen auftauchen, in denen Muster analysiert werden können. Also zum Beispiel auch in der Musik.

Gibt es das Asperger-Syndrom überhaupt?

Menschen mit Autismus sind längst nicht immer hochbegabt – auch nicht Asperger-Autisten. Aussergewöhnliches Können ist meist eine Savant-Fähigkeit, das heisst eine Inselfähigkeit, die sich nur auf einen Bereich auswirkt. Und nur wenige Autisten sind Savants.

Die Intelligenz bei Menschen ist sehr unterschiedlich. Ärzte und Psychologen unterschieden lange verschiedene Autismus-Varianten anhand des Intelligenzgrades. Menschen mit Asperger oder sogenanntem hochfunktionierendem Autismus haben eine höhere Intelligenz als Menschen mit «klassischem» Autismus, dem Kanner-Autismus. Leo Kanner hatte das Autismus-Krankheitsbild 1943 erstmals beschrieben. Ein Jahr später veröffentlichte Hans Asperger seine Habilitation, die der anderen Autismusvariante einen Namen gab. Doch höhere Intelligenz bedeutet nicht gleich hochbegabt!

Inzwischen ist sogar umstritten, ob es das Asperger-Syndrom überhaupt gibt. Im künftigen Diagnostikkatalog ICD-11, nach dem Psychiater Erkrankungen einteilen, wird das Syndrom vermutlich nicht mehr auftauchen. Neu werden die bisher getrennten Krankheitsbilder zur sogenannten Autismusspektrumsstörung zusammengefasst. Autismus wird zu ein Kontinuum.

Neue Sub-Typen

Die Geschichte des Asperger-Syndroms wäre damit nur kurz gewesen: Denn erst in den 90er-Jahren wurde es in den Diagnosekatalog aufgenommen. Doch die Diskussionen dauern an. Wissenschaftler untersuchen zum Beispiel, ob Unterschiede zwischen Autisten nur Nuancen sind oder auf separate Krankheiten hinweisen. Autismus-Experten raten zum Beispiel, einen Oberbegriff mit Subtypen zu erstellen – wie bei Diabetes Typ-1 und Typ-2.

Auch Betroffene sind sich nicht einig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Andere sprechen sich unter dem Stichwort Neurodiversität dafür aus, dass sie nur eine andere Art der Wahrnehmung hätten. Wo Autismus anfängt, ist in der Tat unklar. Ich vermute es wird einen Mittelweg zwischen Behinderung und Andersartigkeit sein.

Ist Greta nun Autistin oder nicht?

Für viele Autisten wurde die Diagnose Teil ihrer Identität. Auch Greta Thunberg schrieb bei Twitter: «Ich habe Asperger und das bedeutet, dass ich manchmal ein bisschen anders als die Norm bin.» Und – unter den richtigen Umständen – kann Anderssein auch gut sein.

Ob Greta wirklich Autistin ist, kann ich nicht abschliessend beurteilen. Ich bin gemäss Diagnose auch Asperger-Autist, aber noch lange kein Experte und werde wohl auch nie einer werden. Ich kann auch nicht beurteilen, wie fortgeschritten in Schweden der Autismus-Bereich ist und wie detailliert Diagnosen vorgenommen werden. Auf alle Fälle ist es einfacher, Kinder zu diagnostizieren als Erwachsene. Es ist aber schwerer Mädchen zu diagnostizieren als Jungs. ihr Verhalten gleicht aber schon einer Autistin. Daher würde ich die Aussage wagen, dass Greta eine Autistin ist.

 

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