Sie ist die dunkle Schwester des Tages, geheimnisvoll und mächtig. Sie kann das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorbringen. Wir fürchten und wir brauchen sie. Ich liebe sie. Die Dunkelheit. Die Nacht. Die Nacht ist ein Schatten, der uns gefangen nimmt. Wenn unser Teil der Erde sich in deren Kernschatten hinein dreht, bricht die Dunkelheit über uns herein.

Einsamkeit und Dämon

Früher waren die Menschen buchstäblich eingesperrt. Im Mittelalter verhängten Städte nächtliche Ausgangssperren, noch bis ins 19. Jahrhundert liess man Stadttore und Häuser verriegeln. Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit je ein Unbehagen, sei es die Angst vor Geistern, vor wilden Tieren, vor Mord und Totschlag, vor der Einsamkeit oder den eigenen Dämonen.

Die Nacht ist meine Zeit

Die Nacht ist aber auch ein Schatten, der mich befreit – von den Regeln des Tages, den Blicken der anderen, den Gesetzen der Realität. Die Nacht kennt keine Verpflichtungen; alles scheint möglich, ob ich am schlafen oder wach bin. Im Universum der Träume gibt es nur mich. Fliegend hoch oben am Himmel. Nachts gehe ich am liebsten raus. Durchstreife die Strassen, lausche der Stille und atme die kühlende Luft.

Die Nacht ist ein Schatten, der schwindet. Spätestens seit Erfindung des künstlichen Lichts kann der Mensch die Nacht zum Tag machen. Im Schein der Lampen und Computerbildschirme kann man weiter lesen, einkaufen, schuften und grübeln, tanzen und trinken. Der Tag muss nie mehr enden. Unser Planet leuchtet heute so hell wie nie zuvor. Immerhin – in meiner Nachbargemeinde wird seit zwei Jahren um 1 Uhr das Strassenlicht für 5 Stunden ausgeschaltet. Ich bin dort Stammgast beim Spazieren gehen. Es gibt also Hoffnung. Hoffnung dass auch die Behörden meiner Gemeinde endlich kapieren, dass die Strassenbeleuchtung nicht die ganze Nacht unsinnig leuchten muss. Zu viel Licht in der Nacht stört den natürlichen Rhythmus von Organismen. Die «Lichtverschmutzung» macht Menschen und Tiere krank. Wir drängen die Nacht zurück, dabei können wir ohne sie nicht leben. Leider herrschen die Dummen dieser Welt. Die Klugen sind in der Minderheit.

Kunstlicht schmerzt

Licht ist mein Übel. Zuhause ist es normal. Das Licht ist aus. Ich bin fast immer im Dunkeln oder maximal im gedämpften Licht. Ich kenne meine Wohnung in und auswendig und brauche kein Licht, um mich orientieren zu können. Generell habe ich ein Unbehagen gegenüber künstlichen Lichtquellen. Deswegen habe ich meine Wohnung komplett auf LED umgestellt und in Apple Home integriert. Nun kann ich mit meinem Smartphone alles genau regulieren. Die Lichtstärke, die Lichtdauer und welches Licht wann und wo zu leuchten hat. Ein Hoch auf die Technik.

Im Büro meines Arbeitgebers arbeite ich, wenn ich alleine bin, wenn immer möglich mit heruntergelassenen Rollläden und ohne Licht. Nur so kann ich konzentriert arbeiten. Den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Nur der Bildschirm und ich. Keine Ablenkung. Doch mein seltsames Verhalten versteht leider niemand ausser mir. Alle Kollegen haben in ihren Büros Licht. Sogar wenn die Sonne durch das Fenster hineinscheint. Für was auch immer. Einen Nutzen hat es nicht.

Mein neuer Bürokollege machte anfangs immer sofort Licht. Mit der Zeit hat er aber verstanden, dass ich das nicht mag. Ich habe mit ihm darüber geredet. Es blendet mich. Es lenkt mich ab. Wir haben uns geeinigt und die Lichsteuerung des Büros programmiert. Halbdunkel oder Halbhell, wie auch immer das nennen mag. Für mich passt es. Für ihn auch. Gott sei dank wurden bei uns die Leuchtstoffröhren durch diese neuen LED ersetzt. Das unangenehme Flackern ist endlich weg und die Lichtmenge lässt sich nun nach unserem Wunsch dosieren.

Sonnenlicht

Das Sonnenlicht ist für mich etwas weniger unangenehm als Kunstlicht. Ich habe dennoch meistens eine Sonnenbrille auf. Vor allem blendender und greller Sonnenschein schmerzt in meinen Augen. Die wärmenden Sonnenstrahlen empfinde ich aber als angenehm auf meiner Haut. Ich geniesse es. Aber zu viel Sonne ist nicht gut. Zum Glück lebe ich in einem Hochnebelgebiet. Vor allem im Winter haben wir mehr Hochnebel als Sonnenschein. Die Leute wundern sich wenn ich jeweils sage, dass mir dieser Nebel absolut gut gefällt. Und wenn ich doch mal Sonne brauche, kann ich immer noch hoch auf unseren kleinen Berg steigen. In einer Stunde ist man oben. Die Bergspitze liegt meistens ausserhalb des Hochnebels. Dann sauge auch ich das Vitamin D wie ein Schwamm auf. Und geniesse nebenher eine geniale Aussicht hinunter auf das Nebelmeer. Der Abstieg zurück in den Nebel ist für mich aber kein Problem. Den dann bin ich wieder Zuhause.

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