Im Alltag funktioniere ich recht gut. Und meine etwas seltsame Art wird nicht mit Autismus in Verbindung gebracht. Eher mit Introvertiertheit und Scheue.

Was «Overloads», «Meltdowns» und «Shutdowns» genau sind, kannst Du in diesem Artikel nachlesen. Ich versuche diese Begriffe nun aus meiner Sichtweise zu erklären.

Der Overload

Bevor es überhaupt zu einem «Overload» kommt, braucht es sehr viele Sinneseindrücke. Jeder Mensch erlebt Sinneseindrücke. Sie rieseln wie leichter Schneefall auf uns herunter. Und das beständig. Mit unseren Sinnesorganen nehmen wir diese Eindrücke war. Aus einem Rieseln kann auch mal Schneefall entstehen. Die Sinneseindrücke werden stärker, vermischen sich ineinander, manchmal bis in das Unangenehme. Die meisten Menschen beginnen zu filtern. Das geschieht ganz automatisch. Wichtige Eindrücke werden beachtet, alles Andere fällt hinten raus. So kommt es zu keiner Überlastung. Nur das Wichtige wird aufgenommen.

Filtern

Bei Autisten wird überhaupt nicht oder nur eingeschränkt gefiltert. Es kommen mehr Sinneseindrücke zur Verarbeitung als langfristig verarbeitet werden können. Ich nehme vor allem die Bereiche des Hörens, auch ein wenig jene des Sehens und des Riechen teilweise stärker als notwendig war. In erster Linie wirkt sich das mit zunehmender Müdigkeit aus. Ich mag dann nicht mehr gross denken. Meine Konzentration lässt nach und die Leistung nimmt ab. Mit der Zeit beginnt es in mir zu brodeln. Ich weis nicht wie ich das anders beschreiben könnte. Das wäre dann der Zeitpunkt mich zurückzuziehen oder mich zu schützen. In der Regeln indem ich einen ruhigen und angenehmen Ort aufsuche. Ist ein Rückzug oder ein Schutz nicht möglich, kommt der «Overload». Dann stehe ich mitten im dichten Schneesturm. Jeder Reiz wird zur Qual. Ich funktioniere dann eigetnlich nicht mehr. Ich kann in dieser Situation nichts mehr aufnehmen. Im Science-Fiction-Genre würde man sagen, dass nur noch die Lebenserhaltung korrekt funktioniert. Alles andere ist mehr oder weniger ausgefallen.

Der Arbeitsplatz richtet sich nicht nach mir

Da ich in einem 2-Personen-Büro arbeite ist es leider nicht immer möglich, nur auf meine Bedürfnisse einzugehen. Mein Bürokollege mag zum Beispiel helles Kunstlicht. Das Kunstlicht brennt sogar dann, wenn von draussen die Sonne hineinscheint und es mehr als genug hell ist. Ich mag Kunstlicht aber nicht. Mich stört hier zum Beispiel das Flackern der Frequenzen. Auch direkte Sonneneinstrahlung empfinde ich als unangenehm. Ich arbeite mit teils extremen Extrovertierten zusammen. Der Lärm überträgt sich dann aus den anderen Büros in mein Büro. Auch das ist unangenehm und belastend.

Eine gewisse Zeit lang versuche ich mich noch auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich baue einen Tunnelblick auf. Das halte ich aber nicht lange aus. Irgendwann sind meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich warte dann einfach darauf das es Feierabend wird. Auch wenn noch 2 Stunden zu arbeiten sind. Jeder Tag ist aber anders. Es gibt Tage an denen ich mehr Kraft habe, es gibt Tage an denen eher Schluss ist.

Manchmal ist es sehr mühsam und belastend. Doch ohne Arbeit kein Einkommen. Das Arbeitsleben ist eher schlecht auf Menschen wie mich ausgelegt.

Zuhause

Obschon ich manchmal einen Overload habe, fahre ich nach Feierabend dennoch nach Hause. Ich fahre obschon mein Hirn fast Out of Order ist. Ich bekomme beim Fahren nur noch das Wichtigste mit. Das ist vermutlich nicht immer eine gute Sache. Aber ich habe keine andere Wahl.

Zuhause bin ich dann manchmal zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich gehe dann ins Bett und versuche wieder langsam runter zu kommen. Ich denke das dies dann der oft gehörte «Shutdown» ist. Das Schlafzimmer ist dunkel und ruhig. Manchmal stehe ich erst am nächsten Morgen wieder auf. Manchmal bin ich nach einer Stunde wieder da.

Homeoffice ist für mich die idealste Arbeitsform. Zuhause sitze ich in meinem Büro. In meiner gewohnten Umgebung. Es ist still. Es ist dunkel. Perfekt zum Arbeiten. Schallschutzfenster und Lamellenstoren sei dank. Leider erlaubt es der Arbeitgeber nur in Notfällen (wenn ein Handwerker kommt oder ein Familienmitglied krank ist).

Freizeit

In meiner Freizeit komme ich  selten in einen «Overload», geschweige denn in einen «Shutdown». In meiner Freizeit kann ich mein Tempo gehen. Ich kann mich zurückziehen wann ich möchte, ohne auf fehlende Arbeitsstunden achten zu müssen. Wenn ich müde bin, ruhe ich mich aus. Ich kann meine Umgebung selber variieren. Wenn ich unterwegs bin ist es immer möglich eine ruhige und dunkle Ecke zu finden. Ich gehe dann gerne in Kirchen. Dort setze ich mich hin. Eine halbe Stunde. Ich geniesse die Ruhe und die Düsterheit. Auch ein Park ist gut. Oder ein kleines, stilles Kaffee.

In der Stadt

Da ich gerne Städteausflüge mache stehen Kirchen immer auf meinem Plan. Immer wenn ich eine Kirche sehe gehe ich hinein und bleibe etwas dort. Für mich ist das Erholung pur. Oftmals liege ich auf einer Kirchenbank und lausche der Stille. Das ist auch der Grund weshalb ich brav meine Kirchensteuern bezahle. Damit die Kirchen erhalten bleiben. Sonst wäre ich schon lange aus der Kirche ausgetreten.

Unterwegs habe ich fast sehr oft eine Sonnenbrille auf und Ohrstöpsel im Ohr. Das schirmt mich vor Lärm und grellem Licht ab. In der Stadt sind Strassenlärm, Baulärm oder der Lärm vieler Menschen die grossen Herausforderungen. Hauptstrassen versuche ich zu meiden, Einkaufscenter sowieso. In einer Stadt hat es enorm viele Details und Eindrücke. Beim Fotografieren verwirren mich diese vielen Facetten manchmal. Darum bin ich meistens alleine unterwegs, damit ich mein Tempo gehen kann.

In der Natur

Beim Wandern habe ich wenig Probleme. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, der Bergbach rauscht und die Bienen summen. Die Natur scheint andere Gesetze zu haben, andere Sinneseindrücke. Keine künstlichen, ermüdenden Eindrücke.

Der Shutdown

Der «Shutdow» ist bei mir die Folge einer Überlastung, wenn der Rückzug nicht möglich ist oder wenn ich mich sehr stark auf etwas konzentrieren muss, aber von äusseren Einflüssen belastet werde. Zum Glück habe ich das aber wirklich nur nach sehr belastenden Arbeitstagen. In meiner Freizeit kenne ich den Shutdown eigentlich nicht.

Der Meltdown

Der «Meltdown» liegt wohl irgendwo zwischen dem «Overload» und dem «Shutdown». Als Kind und junger Erwachsener hatte immer mal wieder solche Wutausbrüche. Auch heute noch bekomme ich in Diskussionen manchmal Wutausbrüche. Aber nur wenn mir ein Thema wichtig ist und ich im Recht bin. Die Begrifflichkeit Meltdown nutze ich selber aber nicht.

Das Beispiel eines Wutausbruchs sieht wie folgend aus: meine Nachbarn in der Wohnung unter mir rauchen. Mir ist es völlig egal, ob die damit ihre Gesundheit ruinieren. Das ist deren Leben. Manchmal rauchen diese Nachbarn aber auch auf ihrer Terrasse. Sie geniessen dann einen schönen Sommerabend. Aber auch ich geniesse diese schönen Sommerabend und habe Fenster und Türen offen, damit ich kühlende Aussenluft in die Wohnung und die warme Luft aus der Wohnung bringen kann. System Durchzug.

Da der Zigarettenrauch wärmer ist als die Lufttemperatur, steigt er von der Nachbarsterrasse nach oben und zieht stinkend durch meine offenen Fenster in meine Wohnung. Und das hasse ich. Ich habe das Thema dann mal angesprochen und mir wurde gesagt, dass auch ich tolerant gegenüber dieser Nachbarn sein müsse. Doch wie kann ich gegenüber jemandem tolerant sein, der mit seinem Verhalten meine Wohnung kontaminiert? Passivrauchen ist schädlich. Das weis bereits jedes Kind. Und ich hasse es wenn meine Wohnung wie ein Aschenbecher stinkt. In solchen Diskussionen werde ich dann gerne einmal laut und kriege einen Wutanfall. Ich bin klar im Recht. Und dieses Recht steht sogar im Obligationenrecht drinnen. Dennoch wird von mir Toleranz verlangt! Ich muss also tolerant sein, damit ich geschädigt werden kann? Ich muss für ein nettes Miteinander im haus Rücksicht auf Nachbarn nehmen, welche meine Wohnung verstinken?

Nach Artikel 257ff des schweizerischen Obligationenrechts ist störender Rauch aus der Nachbarswohnunung grundsätzlich ein Mangel, der von der Eigentümerschaft beseitigt werden muss, der eine Herabsetzung des Mietzinses rechtfertigt oder für den Schadenersatz gefordert werden kann.

Nun, ich bin mir noch nicht sicher wie ich hier vorgehen werde. Im Prinzip müsste ich zuerst einmal auf die Nachbarn zugehen und das Problem ansprechen. Als Autist bin ich aber nicht gerade derjenige, der andere anspricht. Und ich weis genau – wenn ich die Nachbarn deswegen ansprechen würde, dann würde ich relativ schnell einen Wutanfall bekommen weil das Gespräch wohl nicht so verlaufen würde, wie ich es mir wünsche.

Ach liebe Leute, bitte denkt daran: rauchen ist dumm. Lasst es doch einfach bleiben.

1 Antwort

  1. 4. Mai 2020

    […] Auch wenn ich mich ärgere, kann ich das nicht nach aussen tragen, ausser ich komme in einen Meltdown. Bei mir weis ein neurotypischer Mensch nicht, woran er ist. Einzig meine Mutter und vielleicht […]

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