Hintergrund Asperger-Syndrom

Wichtig: das Asperger-Syndrom ist der Unterform Autismus-Spektrum angegliedert

Hintergrund

Asperger-Syndrom wird neu als Autismus-Spektrum bezeichnet. Das Autismus-Spektrum zählt zu den Störungen aus dem autistischen Formenkreis. Betroffene zeigen in der Regel ein bestimmtes Muster: Aufgrund einer verminderten Fähigkeit, nonverbale Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen, sind die Patienten in ihrer sozialen Interaktion unterschiedlich stark eingeschränkt. Das Interesse an Mitmenschen ist oft begrenzt. Demgegenüber bestehen typischerweise «Spezialinteressen», die inhaltlich oder hinsichtlich ihrer Intensität ungewöhnlich erscheinen. Die Betroffenen sind zudem darauf fixiert, ihre äussere Umgebung und Tagesabläufe möglichst gleichbleibend zu gestalten. Plötzliche Veränderungen können Autisten überfordern.

Je nach Ausprägung der Symptomatik können Autismus-Spektrum-Betroffene lediglich Auffälligkeiten im Sozialkontakt haben oder unter weitreichenden Einschränkungen in sozialen und beruflichen Lebensbereichen leiden. Die Stärke der Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein.

Anpassungsversuche

Menschen mit AS müssen sich bewusst anstrengen, um in die «neuro-typische» Welt zu passen. Sie müssen das Verhalten in Gesellschaft schrittweise lernen und bewusst anwenden. Die Welt kommt ihnen unnatürlich vor. Es sind aber starke Persönlichkeiten und es kümmert sie wenig, ob sie als cool gelten oder nicht. Leider kann dies negativ auffallen und zu verletzenden Reaktionen von Seiten der Mitmenschen führen.

Das AS behindert die Fähigkeit, nicht-verbale Hinweise zu verstehen. Beispielsweise erkennt eine Person mit AS nicht, wenn jemand durch Körpersprache zu verstehen gibt, dass er in Eile ist. Auch Zweideutigkeiten, Sarkasmus und Anspielungen werden oft nicht verstanden. Wenn Menschen mit AS sprechen, ist die Aussage direkt und unverblümt, die Stimme laut oder sehr leise und manchmal auch monoton. Dies kann je nachdem grob, arrogant, rücksichtslos oder abweisend wirken. Aber sie meinen es nicht so.

Die WHO hat das Autismus-Spektrum in der aktualisierten ICD (neu Revision 11) in den Bereich Autism spectrum disorder verpackt. Was ICD bedeutet, kannst Du hier nachlesen.

Für Menschen mit AS muss man sich Zeit nehmen

Wer sich die Zeit nimmt, um hinter die Fassade zu blicken, wird feststellen, dass es sich lohnt. Einige Menschen mit AS durchlaufen eine Hochschulausbildung. Einige heiraten, haben Kinder. Manche machen Karriere. Andere widmen sich der Kunst. Und viele AS leben ein ganz normales Leben. Es gibt auch Betroffene (oft bis Jahrgang ca. 1990), welche nie eine Diagnose erhalten haben. Eine Diagnose wird meist als Erleichterung erlebt, weil plötzlich klar wird, warum gewisse Dinge so schwierig sind.

Während das Autismus-Spektrum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu den geläufigen Differenzialdiagnosen zählt, widmet man diesem Krankheitsbild in der Erwachsenen-Psychiatrie erst seit rund 20 Jahren mehr Beachtung. Viele Probleme, die Menschen mit AS im Leben haben, treten auch am Arbeitsplatz in Erscheinung.

«Manche Autisten verleben still, in sich gekehrt, ihre Tage, andere toben herum, weil ihnen die Welt durch den Kopf rennt. Einige lernen es nie, sich richtig zu bedanken, anderen kommen diese Floskeln so trefflich über die Lippen, dass der Eindruck entsteht, sie verstünden, was ihnen da herausrutscht. Einige Autisten lachen gerne und plappern viel, andere sind eher sachlich und einsilbig. Diverse Autisten verzweifeln an trübsinnigen Gedanken, während andere ihre Zelte auf der heiteren Seite des Lebens aufgeschlagen.

Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung für das Leben in einer Welt ohne Autismus. Die Höflichkeit hat viele Näpfchen aufgestellt, in die man treten kann. Autisten sind Meister darin, keines auszulassen» (Brauns 2004).

Diagnose ist nicht einfach

Die Diagnose ist schwierig und wird oft erst spät gestellt (Aktuell durchschnittlich mit 11 Jahren). Nicht selten werden die Patienten zuerst als ADS/ADHS Kinder betrachtet. Die Diagnosekriterien nach ICD-10 sind:

  • Gestörte soziale Interaktion
  • Stereotypes Verhalten und spezielle Interessen
  • Normale Sprachentwicklung

In der Schweiz liegt man bezüglich Autismus-Spektrum weit hinter anderen Ländern. In vielen Kantonen gibt es kaum brauchbare Einrichtungen, welche sich dem Thema mit hoher Konsequenz angenommen haben.

Radio SRF 1 – Asperger ticken anders

Die drei Dimensionen

Am einfachsten versteht man das Autismus-Spektrum, wenn man es als die Beschreibung einer Person betrachtet, die die Welt anders als andere wahrnimmt und interpretiert. Menschen mit Autismus-Spektrum sind wie typisch wahrnehmende Menschen, welche sich nur etwas anders verhalten. Sie sind nicht krank oder behindert. Doch viele Menschen die nicht der Norm entsprechen werden sehr schnell in diese Schublade gesteckt.

  • Was man von aussen Wahrnimmt, ist bei einem Autisten oft nicht das, was er denkt
  • Was ein Autist innerlich empfindet ist von aussen nicht sichtbar oder wahrnehmbar

Zusammenfassung der Beschreibung

  • Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion: besonders Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum sind auffällig im nonverbalen Bereich (Gestik, Mimik, Gebärden, Blickkontakt). Sie können durch ihre Einschränkung keine zwanglose Beziehung zu Gleichaltrigen herstellen.
  • Ungewöhnlich ausgeprägte und spezielle Interessen und stereotype Verhaltensmuster: intensive Beschäftigung mit umschriebenen Wissensgebieten, zum Beispiel Dinosaurier, Waschmaschinen, Elektrizität oder Schmelzpunkte von Metallen.
  • Normale Entwicklung der Kognition und Sprache: im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus verläuft die Sprachentwicklung und kognitive Entwicklung beim Autismus-Spektrum nicht eingeschränkt.

Einschränkungen

Die Einschränkungen dieser drei Kernelemente drücken sich in einer Reihe gemeinsamer Merkmale aus, die sich bei jedem mit Autismus-Spektrum auf individuelle Weise zeigen können

  • Probleme Freunde zu gewinnen
  • Beeinträchtigung, nonverbale Signale (zum Beispiel Gesichtsausdruck) zu lesen oder auszusenden
  • Schwierigkeiten zu verstehen, dass andere Menschen Gedanken und Gefühle haben, die sich von den eigenen unterscheiden
  • Obsessiver Fokus auf ein enges Spezialgebiet
  • Sonderbar anmutende Motorik
  • Inflexibilität bezüglich Routinen, insbesondere wenn unvorbereitet Veränderungen eintreten
  • Semantische/pragmatische Missverständnisse

Stärken

Menschen mit einem Autismus-Spektrum zeigen neben ihren besonderen Interessen, speziellen Wissensbereichen und Talenten viele weitere Stärken. Sie…

  • sind sehr loyal anderen gegenüber, lügen oder täuschen nicht.
  • halten sich verlässlich an einmal akzeptierte Regeln.
  • treten unvoreingenommen anderen Menschen gegenüber.
  • sprechen in einer unzweideutigen Sprache und verfügen über einen grossen Wortschatz

Therapeutisches Setting

Eine spezifische Therapie ist in der Regel eine Langzeittherapie, vor dem Hintergrund folgender zweier Gesichtspunkte:

  • Der Aufbau von Basis-Fähigkeiten – wie zum Beispiel der Theory of Mind: damit sind Fähigkeiten gemeint, die eigenen Gedanken, Gefühle, Absichten und Vorstellungen und diejenigen anderer zu erkennen, zu verarbeiten und vorherzusagen. Sie entwickelt sich bei regulärer kindlicher Entwicklung intuitiv und «nebenbei». Bei Menschen mit Autismus bedarf dieser Aufbau einer sehr langen und geduldigen, expliziten Anleitung, die in vielen verschiedenen realen Situationen geübt werden muss.
  • Eine phasenweise intensive Begleitung ist über die gesamte Entwicklungsspanne wichtig. Da Entwicklungsschritte wie zum Beispiel die Pubertät, die für jeden Jugendlichen eine Herausforderung darstellt, Menschen mit Autismus vor noch grössere Probleme stellen können.

Therapeutische Komponenten der Intervention

  • Psychoedukation des Betroffenen und seiner Bezugspersonen, zum Beispiel Eltern
  • Training sozialer und kommunikativer Kompetenzen
  • Förderung der Identitätsfindung
  • Förderung praktischer Fähigkeiten für den Alltag
  • Bearbeitung sekundärer Verhaltensprobleme
  • Schulische und berufliche Förderung

Dr. Hans Asperger

1944 wurde das Autismus-Spektrum ein erstes Mal bekannt durch die Beschreibungen des Wiener Kinderarztes Dr. Hans Asperger, dem ungewöhnliche Verhaltensweisen bei Kindern auffielen. Er schlug für seine Studien den Begriff «Autistische Psychopathen im Kindesalter» vor, wobei der Begriff Psychopath heutzutage sehr abwertend klingt und daher als Fachbegriff nicht mehr verwendet wird.

Asperger war von den Kindern mit dieser autistischen Persönlichkeit fasziniert und beschrieb Schwierigkeiten und Fähigkeiten mit einer bemerkenswerten Genauigkeit:

  • die soziale Reife und das soziale Verständnis der Kinder war verzögert
  • in jeder Entwicklungsphase sind ungewöhnliche Verhaltensweisen feststellbar
  • diese Kinder haben mühe, Freundschaften zu bilden
  • diese Kinder wurden durch die anderen Kinder gehänselt
  • Beeinträchtigungen bei der verbalen und nonverbalen Kommunikation
  • der Sprachgebrauch dieser Kinder ist pedantisch
  • die Sprachmelodie war ungewöhnlich
  • Grammatik und Wortschatz war relativ fortgeschritten
  • Asperger beobachtete Beeinträchtigungen bei der Kontrolle von Emotionen
  • er stellte fehlende oder wenig entwickelte Empathie fest
  • fehlende Aufmerksamkeit in der Schulklasse
  • Lernprobleme
  • benötigten teils mehr Unterstützung durch die Mütter bei Selbsthilfe und Organisation
  • motorische Beeinträchtigungen

Erbliche Ursachen

Hans Asperger war der Ansicht, dass die Merkmale des Syndroms bei manchen Kindern bereits mit drei Jahren erkannt werden konnten, auch wenn sie bei anderen Kindern erst einige Jahre später auffällig wurden. Er bemerkte, dass auch Elternteile, vorwiegend Väter vergleichbare Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen. Asperger vermutete daher erbliche oder neurologische Ursachen statt psychologischer oder Umweltfaktoren. Er betrachtete die Störung auch als einen lebenslangen und stabilen Persönlichkeitstypus. Hans Asperger konnte keine Desintegration des Bewusstseins beobachten, wie sie bei Schizophrenie auftritt. Unter anderem bemerkte er bei einigen dieser Kinder besondere Talente. Er sah auch, dass solche Menschen dennoch lebenslange Beziehungen entwickeln können.

Heute weis man bereits viel mehr, aber doch immer noch wenig.

Kultur Kontext – Ein Autismus-Spektrum-Betroffener berichtet

Stand der Forschung

Autismus-Spektrum als Grafik

Reaktionen

Auslöser / AktionReaktion
Resigniert, depressivDepression
Ängstlich, überfordertAngststörung
AngestrengtRückzug
Wütend, aggressivAggression
Unflexibel, an Routinen festhaltendZwang

Ätiopathogenese

ADHS / ADS

ADHS oder ADS wird bei Kindern gerne als erstes Diagnostiziert. Das ist aber nicht in jedem Fall die endgültige Diagnose, da man mit ASS eine Verfeinerung eingeführt hat. Die Diagnose ADHS oder ADS und Autismus-Spektrum schliessen einander aber nicht aus. Es kann durchaus Schnittmengen zwischen dem Autismus-Spektrum sowie ADHS oder ADS geben.

 AspergerADHS
SozialverhaltenWenig Kontakte und Freundschaften Gestörter Kontakt, Kontakt eher zu zu Erwachsenen, wenig einfühlendHäufig wechselnde Kontakte und Freundschaften, Kontakt schwierig, aber vorhanden, häufig grosses Einfühlungsvermögen
InteraktionWenig sozio-emotionale Gegenseitigkeit seltener geteilte Freude, unbeholfenWechselseitiger Kontakt möglich,
häufig jedoch impulsiv, geteilte Freude vorhanden
KommunikationEinseitige Monologe, wenig Bezug zum GegenüberWechselseitig Bezug nehmend, auf Äusserungen des Gegenübers
MotorikHäufig eingeschränkt, ungeschickt, Koordination meist gestört, Zehengang, mag häufig keine Bewegung
Unterschiedlich, oft geschickt, jedoch häufiger auch Koordinationsprobleme, sucht Bewegung, liebt häufig Sport
SprachstilAuffällige Modulation der Stimme, wenig Intonation, pedantisch, oft in Themen ver- harrend, häufiger langsam, Antwort oft verzögertHäufiger Themenwechsel, impulsiv, schnell und häufig viel redend
Nonverbale KommunikationDeutlich eingeschränkt, benutzt wenig Gestik und Mimik, kann diese auch nur sehr eingeschränkt deutenMeist unauffällig
BlickkontaktKaum oder nicht sozial moduliertunauffällig, wenngleich häufig abgelenkt und dadurch eher flüchtig
KörperkontaktVermindert oder selbstbestimmtunauffällig
InteressensgebieteHäufig ein oder wenige SpezialthemenEher vielseitig interessiert, teilweise oberflächlich
Lern- und ArbeitsverhaltenPedantisch, wenig Handlungsplanung häufig autodidaktische Fähigkeiten Denken wenig flexibelunordentlich, oberflächlich, Handlungsplanung, Denkstil durchaus flexibel
Theory of Mindoft nicht vorhandenunauffällig

Weitere Entwicklungsstörungen

Es können nebst den bereits oben erwähnten Störungen auch noch andere Entwicklungsstörungen diagnostiziert werden.

    • Sprachstörung (SPSS)
    • Bewegungsstörung
    • Affektive Störung
    • Angststörung
    • Depression
    • Essstörung
    • Nonverbale Lernstörung

Was ICD ist

Die ICD dient weltweit zur Verschlüsselung von Diagnosen. Die derzeit gültige Revision ist die ICD-10. Parallel zur Weiterentwicklung der ICD-10 der WHO wurde seit 2007 an einer grundlegenden 11. Revision gearbeitet.

Informationen zum ICD-10 findet man beim Bundesamt für Statistik

Die neue ICD-11 ist das Ergebnis langjähriger internationaler Entwicklungsarbeit von 96 Mitgliedsstaaten.

Die ICD-11 wurde im Mai 2019 von der WHA72  verabschiedet. Ein Portal ermöglicht leichten Zugang zur ICD-11 und ihren Werkzeugen.

Die ICD-11 soll am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Über den konkreten Zeitpunkt einer Einführung der ICD-11 in der Schweiz sind noch keine Aussagen möglich.

Gründe einer Revision von 10 auf 11

Wesentliche Gründe für eine Revision der ICD waren der Wunsch, spezielle Sachverhalte differenzierter als bisher verschlüsseln zu können, und die Notwendigkeit, die ICD den Bedürfnissen digitalisierter Gesundheitssysteme anzupassen.

Ziel war es, auf einer kohärenten Datenbasis Klassifikationen für unterschiedliche Anwendungsbereiche als internationalen Standard für Wissenschaft, Kommunikation und Information in der Medizin zu erstellen. Dabei soll die einfache Integration in IT-Systemumgebungen auch für die Zukunft sichergestellt sein.

Dazu wurde das Systematische Verzeichnis (Band 1) der ICD in Bezug auf

  • Inhalte (medizinisch-wissenschaftliche Aspekte),
  • Struktur (klassifikatorische Aspekte) und
  • Konzeption (informationstechnologische Aspekte)

weiterentwickelt, und zwar unter Einbeziehung internationaler Expertise und der interessierten Öffentlichkeit.

Das Regelwerk (Band 2) wurde ebenfalls umfangreich überarbeitet und deutlich erweitert, vor allem bezüglich der Morbiditätsverschlüsselung.

Das bisherige Alphabetisches Verzeichnis (Band 3, „Index“) mit der Druckausgabe mit manuell bearbeiteten Permutationen und bis zu 7 Einzugsebenen wurde ersetzt durch das digitale ICD-11 Coding Tool  und einer automatisch erstellbaren Druckausgabe, die ohne Permutationen mit nur zwei Einzugsebenen für den Leitbegriff und die spezifischen Einträge auskommt.

Einen Überblick über die überragende Bedeutung der ICD für die Gesundheit der Welt geben die Eröffnungsrede der WHO-Direktorin Dr. Magret Chan auf der ICD-11 Revisionskonferenz in Tokyo vom 12. Oktober 2016 und ein kleiner WHO-Film. Ein deutschprachiger Artikel beschreibt den Revisionsprozess und auf unserere Website finden Sie Informationen darüber, was eine Klassifikation ist und was sie leisten kann.